Das Resilienzprogramm

Was ist Resilienz?

Wunderst du dich manchmal, wie manche Menschen schier Unmögliches schaffen, während andere an der kleinsten Hürde scheitern. Dieses Beobachtung lässt sich mit Resilienz erklären. Eine Qualität der Persönlichkeit, die schwer zu fassen ist. Wir versuchen es trotzdem und erklären dir, was sich dahinter verbirgt.

Die Definition von Resilienz

„Resilienz ist die Kraft, mit der man es vom Boden wieder auf die Beine schafft.“

Das Zitat des österreichischen Trainers Ronald Lengyel beschreibt die Qualität der Resilienz. Der Begriff wird heute meist aus Sicht der Psychologie interpretiert. In diesem Bereich bedeutet Resilienz in erster Linie die Widerstandsfähigkeit einer Person. Genauer: Wie gut ein Mensch mit den Widrigkeiten des Alltags, den damit verbundenen Problemen und außergewöhnlichen Schicksalsschlägen fertig wird.

Das Begriff der Resilienz wird darüber hinaus in der Materialwissenschaft, der Zahnmedizin und der Soziologie verwendet. Je nach Spezialgebiet verschiebt sich das Einsatzgebiet. Im Mittelpunkt aber steht die Widerstandskraft.

Die Wurzel des Begriffs liegt im lateinischen Wort „resilere“. Es bedeutet „zurückspringen“ oder „abprallen“. So beschreibt Resilienz in der Materialwissenschaft, wie elastisch ein Körper auf Kraft von außen reagiert und wie schnell er zur Grundform zurückkehrt. Die englische Vokabel „resilience“ zielt in die gleiche Richtung. Sie kann mit Spannkraft, Widerstandsfähigkeit und Elastizität übersetzt werden.

Die Historie der Resilienz

In der Psychologie hat sich der Begriff Resilienz im Lauf der Zeit stark gewandelt. Geprägt hat das Konzept der amerikanische Psychologe Jack Block, der Resilienz in seiner Dissertation im Jahr 1950 als stabiles Persönlichkeitsmerkmal bezeichnete. Er beschrieb Resilienz als Eigenschaft von Personen, die auf widrige Ereignisse nicht wie erwartet mit psychischen Störungen reagierten.

„Resilienz“ traf den Nerv des Zeitgeistes und integrierte bald ähnliche Begriffe in sich auf. Block erklärte dies mit dem Umstand, dass Begriffe wie „Stressresistenz“ oder „Überlebensfähigkeit“ weniger griffig sind. Er selbst kritisierte an der damaligen klinischen Definition, dass er nicht erkläre, warum ein Mensch den ungewöhnlich hohen Stress überlebe.

Resilienz in der Forschung

Pionierarbeit leistete auch die US-amerikanische Psychologin Emmy Werner. Sie beobachtete 698 Jungen und Mädchen auf der Insel Kauai über vier Jahrzehnte hinweg. Die Besonderheit: Alle Kinder hatten vergleichsweise schlechte Voraussetzungen.

  • In ihren Familien war das Geld knapp.
  • Die Ehen der Eltern waren zerrüttet.
  • Manche Eltern litten unter Drogensucht.

Trotz dieser widrigen Umstände schaffte es ein Drittel der Kinder, sich davon unbeirrt gut zu entwickeln. Sie meisterten ihr Leben. Resilienz wurde nach Veröffentlichung der Untersuchung von Werner im Jahr 1977 vor allem als Qualität von Kindern verstanden.

Von der Pathogenese zur Salutogenese

An der Arbeit von Block und Werner war der Blickwinkel neu. Psychologen haben sich vorher in erster Linie auf Störungen und Fehlentwicklungen der Persönlichkeit konzentriert. Man spricht von der sogenannten „Pathogenese“. Sie dagegen richteten den Fokus auf positive Entwicklungen. Durch weitere Untersuchungen lösten sich in den Folgejahren die fast naiven Vorstellungen der Psychologen. Sie beschrieben die Wirkung der Resilienz zu Beginn wie Unverwundbarkeit, ein undurchdringbares Schutzschild der Persönlichkeit.

Richtungsweisend war in diesen Zusammenhang auch die Arbeit des israelisch-amerikanischen Medizin-Soziologen Aaron Antonovsky. Er prägte in den 80er Jahren den Begriff der „Salutogenese“. Darunter versteht man ein Rahmenkonzept für die verschiedenen Faktoren, die zur Gesundheit des Menschen beitragen. Sie ist in vielerlei Hinsicht das Gegenteil der zuvor im Mittelpunkt stehenden „Pathogenese“.

Heute beschreibt der Begriff der Resilienz die Widerstandskraft jedes Menschen, nicht nur die von Kindern. Moderne Resilienzforschung zeigt, dass es sich bei Resilienz um eine dynamische Qualität handelt. Verschiedene Faktoren tragen zur Widerstandskraft einer Person bei, zum Beispiel positive Bindungen oder der Zusammenhalt in einer Gemeinschaft. Die Dynamik des Begriffs bedeutet: Du kannst deine Resilienz trainieren.

Die sieben Resilienzfaktoren

Manche Experten bezeichnen resiliente Menschen als Personen mit einem funktionierenden psychischen Immunsystem. Diese Menschen erscheinen in der Regel als besonders gelassen, selbstbewusst, zuverlässig und zielorientiert. Die US-amerikanischen Resilienz-Forscher Karen Reivich und Andrew Shatté haben 2003 das Buch „The Resilience Factor“ vorgestellt. Darin beschreiben sie sieben Resilienzfaktoren, die einen resilienten Menschen charakterisieren:

  1. Emotionssteuerung
  2. Impulskontrolle
  3. Kausalanalyse
  4. Selbstwirksamkeit
  5. Realistischer Optimismus
  6. Empathie
  7. Zielorientierung

In Deutschland ist darüber hinaus das Modell der Münchner Psychologin Ursula Nuber weit verbreitet. Sie nennt ebenfalls sieben Säulen der Resilienz:

  1. Optimismus
  2. Akzeptanz
  3. Lösungsorientierung
  4. Opferrolle verlassen
  5. Verantwortung übernehmen
  6. Netzwerkorientierung
  7. Zukunftsplanung

Beide Systeme weisen Überschneidungen auf, sind aber nicht gleich. Zu den Gemeinsamkeiten zählt, dass Menschen mit hoher Resilienz glauben, dass sie den Lauf der Dinge beeinflussen können. Sie analysieren Fehlschläge, setzen sich klare Ziele und gehen dennoch nicht von garantiertem Erfolg aus. Sie können damit umgehen, wenn etwas schiefläuft.

Berühmte Beispiele resilienter Menschen

Eines der berühmtesten Beispiele für einen hoch resilienten Menschen ist Bill Clinton, Ex-Präsident der USA. Sein Vater stirbt bereits vor seiner Geburt. Die Mutter verlässt den Jungen, um den sich die Großeltern kümmern. Erst als Billy vier Jahre alt ist, kehrt sie zurück. Doch Familienidylle ist weiterhin Fehlanzeige. Der neue Stiefvater schlägt und trinkt. Betrunken schießt er auf seinen neunjährigen Stiefsohn. Bill überlebt und wird als 47-jähriger Präsident.

Besonders resilient ist auch das Model Lauren Wasser, das 2012 einen toxischen Schock (TSS) erlitt. Zuerst musste ihr ein Bein amputiert werden. Mit einer goldfarbenen Prothese machte sie anschließend Schlagzeilen auf den Laufstegen. Anfang 2018 musste auch das zweite Bein amputiert werden. Ein offenes Geschwür bereitete ihr darüber hinaus schlimme Schmerzen. Sie betrachtet es jetzt als Lebensaufgabe, das Problem TSS publik zu machen.

Prominente Deutsche mit hoher Resilienz

In Deutschland haben wir zahlreiche prominente Persönlichkeiten, die als Paradebeispiele der Resilienz gelten. Der langjährige Präsident des Verbandes der Deutschen Industrie, Hans-Olaf Henkel, verlor seinen Vater im Krieg. Der Junge überforderte seine Mutter und verbrachte einen Teil seiner Kindheit in drei verschiedenen Kinderheimen.

Auch Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder wuchs als Halbwaise auf. Seine berufliche Laufbahn begann er als Lehrling in einem Eisenwarengeschäft. Der langjährige WDR-Intendant Fritz Pleitgen lebte zwei Jahre im Kinderheim, weil seine Mutter kränkelte. Die Jugendjahre verbrachte er auf der Straße. Ohne Abitur und Studium machte er dennoch Karriere.

Wie zeigt sich Resilienz?

Resiliente Personen erscheinen Außenstehenden oft als außerordentlich stark, begabt oder begünstigt. Ihnen scheint alles zu gelingen. Diese Perspektive streift aber nur die Oberfläche. Auch resiliente Menschen kennen Augenblicke der Verzweiflung, der Depression und allgemeine Niedergeschlagenheit. Den Unterschied macht, wie sie damit umgehen.

Bildlich gesprochen werden resiliente Menschen oft als Stehaufmännchen bezeichnet. Sie lassen sich von Schicksalsschlägen und schwierigen Erfahrungen nicht unterkriegen. Im Gegenteil: Sie sind in der Lage, diese Schwierigkeiten zu verdauen und die ihnen gebotenen Hürden zu überwinden. In vielen Fällen gehen sie sogar gestärkt aus den Krisen hervor.

Was ist das Gegenteil von Resilienz?

Parallel zur Resilienz hat sich der Begriff der „Vulnerabilität“ etabliert. In der Psychologie gilt Vulnerabilität als das Gegenteil von Resilienz. Vulnerable Personen reagieren besonders intensiv auf vermeintliche oder tatsächliche Verletzungen. Sie zeigen meist wenig Einfühlungsvermögen, sind aggressiv und leicht zu verärgern.

Vulnerable Personen verfallen schnell in eine Opferrolle und entwickeln psychische Störungen. Wie die Resilienz, so ist auch die Vulnerabilität eine dynamische Größe. Im Leben durchläuft jeder Mensch vulnerable Phasen. Das Paradebeispiel dafür ist die Pubertät.

Wie lernt man Resilienz?

Den Anfang macht immer die Ermittlung des Status quo. Wie resilient bist du derzeit – oder andersherum: Wie oft lässt du dich stressen? Am einfachsten prüfst du diesen Status quo mithilfe eines Resilienztests. Auch ich arbeite derzeit daran, einen solchen bereitzustellen.

Im Anschluss an den Resilienztest verschaffst du dir idealerweise zunächst einen Gesamtüberblick. Das heißt: Du machst du ersten Resilienzübungen. Je nachdem, wie gut sie dir helfen, resilienter zu werden, fährst du fort. Wenn du durch diesen Prozess geführt werden möchtest, empfehle ich dir mein Resilienzprogramm.